Clubhouse: Ein Hype mit Potenzial und Nebenwirkungen

Seit einigen Tagen ist Clubhouse in Deutschland und damit auch in Österreich angekommen. Und zwar so richtig: Zu Wochenbeginn übernahm die neue Social-Media-App im Nachbarland Platz zwei der Rangliste der am häufigsten heruntergeladenen Gratisanwendungen in Apples App-Store vom populären Messengerdienst Telegram. Die Aufregung ist seither groß, Twitter rotiert. Doch was ist Clubhouse überhaupt, angesichts dessen NutzerInnen von einem „magischen“ Erlebnis und „absolutem Sucht-Potenzial“ schwärmen?


Im Grunde handelt es sich um eine Audio-App, NutzerInnen treffen sich in sogenannten „Räumen“ zu Gesprächsrunden. Es steht ihnen frei, daran teilzunehmen, oder nur zuzuhören. Es ist auch möglich, selbst neue Räume zu eröffnen. Die Debatten, deren Themen frei wählbar sind, können von ModeratorInnen angeleitet werden. Schriftlichkeit spielt dabei keine Rolle, denn Beiträge können nicht kommentiert werden.

Als Vorzüge der App gelten die Möglichkeit, Zugang zu Menschen aus dem eigenen beruflichen Fachgebiet zu finden, kostenfreies Lernen von ExpertInnen und die Chance, sich in den Debatten einen Namen zu machen. Die Audio-Basiertheit erlaubt außerdem ein niederschwelliges, unkompliziertes Ein- und Aussteigen. Schließlich ist Clubhouse die erste Social-Media-App, die ohne Bildschirm auskommt.



Die ersten Eindrücke von b2g:


  • Das Nutzungserlebnis ist beträchtlich, wir haben selten etwas so Simples und Selbsterklärendes gesehen

  • Clubhouse eignet sich im Vergleich zu Videokonferenzen ideal als Beschäftigung nebenbei

  • Ungewohnt und spannend, weil es so "anders" ist – der ausschließliche Fokus auf Audio ermöglicht einen deutlichen Kontrast zur sonstigen Informationsüberflutung

  • Nutzt man Clubhouse schon jetzt "professionell", kommt ein First-Mover-Aspekt zum Tragen: Es wird viel experimentiert, Fehler werden verziehen, man kann mit kleinem Aufwand doch erhebliche Wirkung erzielen.

  • Die Funktionen sind noch sehr rudimentär entwickelt, hier wird aber sicher laufend nachgebessert werden


Clubhouse, das als Twitter mit Ton, Fusion von Podcast und Social Media oder, etwas despektierlich, als „öffentliche Telefonkonferenz“ beschrieben wurde, schafft also tatsächlich etwas Neues. Der Charakter der App erinnert an Live-Podcasts ─ mit dem entscheidenden Unterschied, dass jede/r aktiv in den Austausch eingreifen kann.


Exklusivität als Masche

Jede/r? Nicht ganz, denn bis dato ist Clubhouse tatsächlich das, was sein Name bereits evoziert: Eine exklusive Örtlichkeit, die längst nicht für alle zugänglich ist. Denn die App läuft nur auf dem iPhone, das auf dem Betriebssystem iOS aufsetzt. NutzerInnen eines Android-Smartphones sind somit von vornherein von der neuen digitalen Agora ausgesperrt. Doch der Besitz des richtigen Endgeräts ist nicht das einzige Distinktionsmerkmal, um mit dabei sein zu können ist nämlich zusätzlich noch die Einladung eines aktiven Mitglieds notwendig.


Diese ganz bewusst angewandte Marketing-Masche setzt auf die Aura des Besonderen, Hippen und irgendwie Wichtigen. Noch nicht Teil der In-Crowd zu sein, jazzt den Wunsch nach Teilnahme und Erwählung nur noch weiter hoch, ebenso wie die Befürchtung, womöglich etwas Entscheidendes zu verpassen. Denn schließlich schmückt sich Clubhouse mit Prominenz aus der Tech-Szene, Investoren oder Gründern. Mitglieder werden dazu gedrängt, ihre Profile mit anderen Social-Media-Plattformen zu verbinden und dort Inhalte ihrer Gespräche zu featuren. Das befeuert die Aufregung noch weiter, denn es ist für Menschen offenbar nur schwer auszuhalten, nicht dort mit dabei zu sein, wo angeblich die Musik spielt. Es verwundert insofern nicht, dass Clubhouse-Einladungen auf Ebay einen Preis von 50 Euro erzielt haben.


Gründer, Investoren, Startup-Szene besonders aktiv

Zum nun in Deutschland ausgebrochenen Run auf die App schrieb handelsblatt.com: „In den deutschsprachigen Rede-Runden, von denen es vor wenigen Tagen noch kaum welche gab, ging es vor allem um Tipps für die Investorensuche, das Verhältnis zwischen Gründern und Investoren und die besten Finanzierungsmodelle. Dabei schwankte die inhaltliche Qualität zwischen weiterführenden Diskussionen bis zu Selbstbeweihräucherung.“ In Österreich ist vor allem die Startup-Szene präsent, aber auch einige Menschen aus dem Marketing wurden gesichtet.


Erdacht wurde Clubhouse von einem Start-up aus San Francisco, seit März 2020 ist die App online. In kapitalkräftigen Kreisen aus dem Silicon Valley stand sie von Beginn an hoch im Kurs, angeblich lieferten sich Venture-Capital-Firmen ein heißes Match, um beim Clubhouse-Mutterunternehmen Alpha Exploration einsteigen zu können. Laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes hat Clubhouse seinen Wert innerhalb weniger Monate auf 100 Millionen Dollar gesteigert.


Kritikpunkte: Chauvinismus, mangelnde Vielfalt, Datenklau

Die Exklusivität einer vermeintlich elitären Nutzerschaft hat jedoch nicht automatisch ein gehobenes Niveau des Austausches zur Folge. Im Gegenteil: in den USA und mittlerweile auch in Europa gibt es massive Kritik an Rassismus, Sexismus Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus in den Clubhouse-Gesprächsrunden. Von Hate Rooms ist die Rede, in denen gegen Minderheiten gehetzt wird. Auch Desinformation und Betrügereien sollen grassieren. All das passiert offenbar weitgehend ungehindert, da problematische Aussagen nicht moderiert werden.


UserInnen, die von Facebook oder Instagram ausgeschlossen wurden, haben bei Clubhouse keine Konsequenzen zu befürchten. Sie sollen in manchen Fällen sogar von den Gründern der Plattform dorthin eingeladen worden sein, die sich nun den Vorwurf gefallen lassen müssen, auf Wachstum um jeden Preis zu setzen. Ein weiterer Kritikpunkt: Das Publikum und auch die Panels bei Clubhouse bestehen überwiegend aus wohlhabenden weißen Männern. Dazu kommt der Aspekt der Barrierefreiheit einer App, die nur Hörenden zugänglich und damit nicht besonders zukunftsgewandt ist.


Nicht zuletzt ist eine erhebliche Nonchalance beim Thema Datenschutz kritisiert. Denn Clubhouse saugt, ebenfalls zugunsten möglichst rascher Verbreitung, die persönlichen Daten aller Kontaktadressen des verwendeten iPhones ab. Wird die Zustimmung nicht erteilt, ist das Einladen von Freunden nicht gestattet. Diese problematische Vorgehensweise praktizierte bereits WhatsApp und rief damit scharfen Widerspruch bei DatenschützerInnen hervor. Denn ohne zuvor die Zustimmung der Kontakte einzuholen, dürfen deren Daten nicht auf fremde Server übertragen werden. Auch das Tilgen der eigenen Daten unmittelbar auf der Plattform ist nicht möglich, um den Account zu löschen muss ein Mail geschrieben werden. Zudem werden die Gespräche in den Räumen aufgezeichnet, um Verstöße gegen die Community Guidelines ahnden zu können – so die offizielle Begründung des Unternehmens.


Der Kontext

Clubhouse trifft auf eine Social-Media-Landschaft, die massiv in Bewegung gekommen ist. Der Trend, etablierten Netzwerken den Rücken zu kehren, hat sich zuletzt massiv verstärkt. Die Motivation dafür ist ganz unterschiedlich: Da sind jene, die sich, frustriert von Lagerbildung, zunehmender Intoleranz gegenüber anderen Meinungen und der Tendenz zu emotionaler Aufschaukelung abwenden. Doch es gibt auch jene, die sogar noch verstärkt in Blasen und Echokammern streben, um dort endgültig nur noch mit ihresgleichen einen sicheren Raum zu bewohnen – unbehelligt von abweichenden Standpunkten. Es ist Ausdruck einer Entfremdung komplexer gesellschaftlicher Realitäten bzw. eines Wunsches nach Uniformität.


Von Facebook, Twitter, Google oder Amazon fühlen sich diese Menschen verraten, werfen den Mainstream-Plattformen vor, die Meinungsfreiheit abzuschaffen und von einer angeblich herrschenden liberalen Oligarchie gelenkt zu werden. Seien es Trump-Fans oder AfD-SympathisantInnen, seien es VerschwörungstheoretikerInnen rechter oder linker Provenienz: Sie alle wandern zahlreich in Richtung Telegram, Gab oder Parler ab. Während der Kurznachrichtendienst Parler nach dem Sturm auf das Kapitol in Washington von Apple und Google aus dem App-Store gestrichen wurde, gilt Telegram zumindest in Deutschland nach wie vor als wichtigste Vernetzungsplattform für Rechtsextreme. Wohin sich Clubhouse als neuer Mitbewerber in diesem Feld entwickeln wird und ob seine Anziehungskraft auch nach Corona anhält, bleibt abzuwarten.





/ Michael Robausch – Consultant & Content Creation bei b2g


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